Kurier, 10. Dezember 2005 von Martin Sörös

"Ich bin noch lange nicht ausgereizt"

Schwimmstar Markus Rogan über die Fehler beim Weltrekord, über sein Image und Olympia

Markus Rogan hat im Mannschaftshotel Greif Maria Theresia nur verhalten gefeiert nach der erfolgreichen Weltrekordjagd bei der EMinTriest.Auch wer die 200 Meter Rücken auf der Kurzbahn in 1:50,43 Minuten schwimmen kann, muss an morgen denken. An die nächsten Aufgaben, an die Kurzbahn-WM Anfang April in Schanghai. An 2008.

KURIER: Wie schläft man als Weltrekordler?
ROGAN: Enttäuschend. Nämlich so, wie auch sonst. Ich habe durchgeschlafen, bin um halb zehn aufgestanden, spazieren gegangen und habe die Aussicht genossen. Dann habe ich mich geärgert, dass die Vorläufe von gestern nicht im TV gezeigt wurden.

Wie viel Mut braucht man, um einen Weltrekord punktuell ansagen zu können?
Mir war klar, dass ich das vor dieser Kurzbahn-EM sagen muss. Zum einen war ich ja nur 15 Hundertstel davon entfernt,und außerdem wäre es für mich sonst mental und für die Medien nicht interessant genug gewesen.

Und wie funktioniert so eine Vorbereitung auf den Tag X wirklich?
Um ganz ehrlich zu sein, ich zweifle auch immer wieder daran, dass es funktioniert. Aber am entsprechenden Tag muss alles zusammenpassen. Die Form, die spezielle Wettkampfsituation, die Form der Gegner, der Ansporn durch das Publikum. Was die persönliche Form betrifft, ist das so eine Art Steinschleuder-Prinzip. Du ziehst auf, hast die optimale Spannung, und triffst.

Einfach so?
Nein, nein. Immer wieder im Training beginnst du zu hinterfragen. Immer wieder frage ich bei meinem Trainer Robert Michlmayr nach, ob wir nicht zuviel oder zuwenig trainieren. Am Ende ist es eine Art wechselseitigen Vertrauens. Robert sagt immer, dass meine Beine länger brauchen, um vor einem Wettkampf zu regenerieren. Und dann ist da noch das Wechselspiel zwischen Ausdauer erhalten und Spritzigkeit aufbauen. Faszinierend und voll von Risken.

Wie wäre es dir gegangen, wenn du Gold geholt hättest, ohne den angekündigten Weltrekord zu schwimmen?
Also ganz deppert wäre es gewesen, den Weltrekord zu verfehlen und meinen Europarekord wieder zu verbessern. Dann hätte ich mich sicher mehr über die Zeit geärgert, als über Gold gefreut. Je weiter ich vom Weltrekord entfernt gewesen wäre, desto größer wäre meine Freude über Gold gewesen.

Und wie wärst du damit umgegangen, unter der Weltrekordzeit zu bleiben und Zweiter zu werden?
Dann hätte ich meinen Europarekord verloren und wäre österreichischen Rekord geschwommen. Die Möglichkeit, dass das bei der WM im Aprilpassiert, ist gegeben. Falls es passiert, wird man sehen, wie reif ich emotional bin.

War das Finale von Triest ein perfektes Rennen?
Sicher nicht. Ich bin es zu langsam angegangen und habe zu viel auf den neben mir schwimmenden Vyatchanin geschaut. Ich bin zu lange sein Rennen und nicht mein Rennen geschwommen. Ich weiß, dass ich noch lange nicht ausgereizt bin. Da ist noch viel zu holen. Ganz abgesehen davon trainiere ich noch viel weniger alsmöglich wäre. Robert und ich gehen kleine Schritte vorwärts. Wie alle Schritte war auch dieser darauf abgestimmt, 2008 bei Olympia Gold zu holen.

Du wurdest rund um die WM in Montreal im Sommer phasenweise heftig kritisiert. Man hat dir deine Omnipräsenzvorgeworfen. Wie weh hat das getan?
Die Vorkommnisse haben meine Haut verdickt. Ich glaube, dass mich das,was in Montreal passiert ist, angespornt hat, in Triest ja nicht zu verlieren. Ich hätte mir einiges anhören können, wäre ich hier Zweiter geworden.

Als Reaktion auf die Kritik an dir hast du dich eine zeitlang fast völlig zurückgezogen. Wie schwer ist dir das gefallen?
Einmal hat es richtig wehgetan. Beim ersten Champions- League-Spiel von Rapid wäre ich gerne dabei gewesen. Ich hab's bleiben lassen. Vielleicht hätte ich mich sonst wieder zu Statements hinreißen lassen.

Man darf nicht davon ausgehen, dass dein Weg immer nur von Erfolg begleitet sein wird. An wem oder was würdest du im Fall eines zwischenzeitlichen Misserfolges zweifeln?
Wäre ich bei den Spielen in Athen oder bei der EM in Wien schlecht gewesen, hätte ich wohl am österreichischen System gezweifelt. Vielleicht auch an meinem Trainer. Heute würde ich einen Misserfolg wahrscheinlich als Stolperer einschätzen. Einen würde ich locker aushalten, bei zwei oder mehr würden Robert und ich sofort und intensiv gegensteuern.

Und sonst? Rundum zufrieden?
Zufrieden, zusätzlich zu meinen leistungsbezogenen Verträgen 2000 Euro Weltrekordprämie von meinem Ausrüster Speedo zu bekommen. Glücklich, eine Wette mit meinem Freund Maxim Podoprigora gewonnen zu haben. Ich kriege von ihm eine Kiste Wein, weil wir seinerzeit gewettet haben, wem es als ersten von uns gelingt, Weltrekord zu schwimmen. Und in alle Zufriedenheit mischt sich die Vorsicht, dass wir und ich das konstante Abrufen von Bestleistungen nicht als Selbstverständlichkeit betrachten dürfen.

AM PULS

Freude und ...
von Steffi Graf

Vor dem Start wirkte er blass und nervös. "Ich war in erster Linie davon getrieben, nicht Zweiter zu werden. Markus Rogan hatte Zweifel und Ängste. Zweifel darüber, ob er es wirklich schaffen kann. Zweifel, ob die Zeit überhaupt schon reif ist für den Weltrekord.

Wenn überhaupt, sind es nur wenige Wochen in einer Sportler-Karriere, in denen man mit dem Weltrekord liebäugeln darf. Die Form stimmt. Sie ist ein Geschenk des Himmels, doch die Angst, die Chance des Lebens nicht zu nützen, ist groß. Auch Markus Rogan hatte Angst Zweiter zu werden. Angst, ein anderer könnte seinen Weltrekord schwimmen.

Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Ich erinnere mich an das 800-Meter- Rennen bei der Hallen-EM 2002 in Wien, vor dem ich spürte, den Weltrekord drauf zu haben. Europameisterin zu werden, mit dem Weltrekord als Draufgabe. Mein großer Traum schien realisierbar. Zwei harte Trainingsjahre hatte ich hinter mir und nur dieser Traum war meine Motivation gewesen.

In den letzten Minuten vor dem Start fühlt man sich elend, hat weiche Knie. Mit dem Startschuss verfliegen die Ängste. Alles läuft von selbst. Der Instinkt lenkt den Körper. Die Sehnsucht, im Ziel erlöst zu werden, belohnt zu werden für die Qual, treibt dich voran.

Markus Rogan hat es geschafft. Sein Strahlen in den Augen, als er auf der Anzeigetafel das Resultat aufleuchten sah, sagt alles. Der Weltrekord gehört ihm. Den kann ihm keiner mehr wegnehmen. Auch, wenn er zwangsläufig eines Tages unterboten wird. Was wäre in ihm vorgegangen, wenn er es nicht geschafft hätte?

Ich weiß, wie sich so etwas anfühlt. Im Rennen meines Lebens wurde ich Zweite hinter Jolanda Ceplak. Wir beide blieben unter dem alten Weltrekord. Sie war um drei Hundertstel vor mir im Ziel. Nicht einmal ein Wimpernschlag, so knapp und doch daneben. Die Chance kommt nie wieder. Auch heute sticht es manchmal noch im Herzen. Ich freu' mich für Markus. Unendlich! Und trotzdem tut es weh. Sehr weh.