In Europa ist die Erkenntnis weiter verbreitet, dass unser Weg hinterfragt gehört?
Ich glaube, dass es so ist, weil speziell in Österreich uns immer wieder Grenzen gezeigt werden, in politischer, sportlicher, gesellschaftlicher Hinsicht. Wir haben so einen Drang nach Helden. Dass ich als Zweiter bei Olympischen Spielen hochgejubelt werde, zum Beispiel. In Amerika wäre meine beste Qualität, ein guter Teamkollege von Michael Phelps zu sein. Mehr nicht.
Dann auch die Diskussion mit dem Kollegen Schwarzenegger. Dass wir ihm sagen, du solltest nachdenken darüber, was du machst. In Amerika sagt man, der ist Gouverneur, der hat diese Entscheidung zu treffen, ich habe sie nicht anzufechten. Wir zwingen anderen eine bestimmte Reflexion auf.

Spitzensport als geregelte Rücksichtslosigkeit passt daher besser nach Amerika als nach Europa?
Absolut! Deswegen habe ich es nicht so verstanden, als mir vorgeworfen wurde, dass ich zu wenig rücksichtslos meinem Sport gegenüber bin. Ich habe gedacht, in Österreich muss man als Sportler auch andere Sachen machen können. Aber das ist anscheinend doch nicht so wichtig.

Aufgewachsen ist Markus Rogan in einer kosmopolitischen, intellektuell und pädagogisch offenen Familie, in der offenbar ein liebevoll-streitbarer Diskurs herrscht. Sie zogen nach Amerika, als Markus 14 Jahre alt war. Dort streberte er sich durch die High School, bis er von Stanford, einer renommierten Universität, fürs Schwimmteam angeworben wurde.
Rogans Mutter Margot ist Psychiaterin, sein Stiefvater Michael Schmitz leitet das ZDF-Büro in Wien und managt den Ziehsohn. Bis in die Interviews hinein. ("Für uns war immer wichtig, dass sportliche Ambition nicht gegen Bildung stehen darf.")
So entsteht im Gespräch eine ungewöhnliche Dynamik. Wie kommt ein Bursche mit einer derartigen Fülle an Entwicklungsreizen dazu, die stereotype Bewegung in den engen Grenzen eines 50-m-Schwimmbeckens als Lebenserfüllung zu betrachten?
Mein Hauptargument: Man muss sich nicht einengen, um eine Sportart professionell auszuüben. Das wurde missinterpretiert in dem Sinn: Der hat zu viele andere Sachen im Kopf. Ich will beweisen, dass man gleichzeitig mit 1,0 Notendurchschnitt Matura machen kann, das erwähne ich sehr gerne. Eine grauenhafte Vorstellung wäre, wenn mein Enkel mich vorstellen und sagen würde: Mein Opa war Vizeolympiasieger.
Erfolgreicher Sportler zu sein ist keine Lebenserfüllung, eine frühmännliche Erfüllung vielleicht. Man sagt im Islam nicht umsonst, die intellektuelle Pubertät ist erst mit 40 abgeschlossen - ohne jetzt in eine religiöse Diskussion reinzukommen. Ich bin noch nicht menschlich gereift, auch noch nicht in 20 Jahren.

Die Familie als Versicherung vor peinlichen Endlosschleifen und Anreiz zur Disziplin?
Was ich gelernt habe: Wenn du was erreichen willst, musst du was dafür machen. Nicht einmal, sondern jeden Tag. Ein klassisches Beispiel in der Familie war, dass meine Mutter mir gesagt hat: Wenn du keine Medaille in Athen gewinnst, dann hörst aber auf.
Da war mir schon klar, ja, ich würde vielleicht auch ohne Medaille weiterschwimmen, aber irgendwie hat sie Recht. Wenn ich die Umstandskosten meiner Sportkarriere eingehe, dann muss ich richtig gut sein, denn die Stufe, ab der sich mein Schiwmmen nicht mehr auszahlt, ist hoch. Da ich weiss, dass ich umsteigen kann, muss ich das Schwimmen auf einem sehr hohen Niveau halten, damit ich es rechtfertige.

Der alte Mehrwert.
Jetzt haben wir wieder die Diskussion, was ich nach 2008 mache. Ob es effizient und schön wäre, weiterzuschwimmen. Vor kurzem habe ich einen Eignungstest für eine Business School gemacht und war deutlich über dem Schnitt von Harvard und allen Elite-Schulen.
Damit habe ich eine echte Option, mich nach 2008 weiterzubilden, denn wenn ich das erst nach 2012 mache, bin ich schon deutlich über dem Altersschnitt von den Leuten, die dort mitmachen.

Wie wirken im Sport gelernte Tugenden fernab aller Politikerflausen, "Sport" würde die Aggression und den Drogen-missbrauch in der Gesellschaft lindern? Helfen sie in einem anderen Wettbewerb? Gegen die Angst? Im Job? In der Liebe? Kann ich Angst als Instrument einsetzen?
("Wenn du Angst als Gefühl anerkennst, ist das der erste Schritt. Ich kann nicht sagen, ich stelle mich der Angst nur als Schwimmer, sonst interessiert sie mich nicht.")
Ich habe mich vier Monate auf den Test vorbereitet. Wie für einen Schwimmwettkampf. Ich habe am Anfang sehr viel gelernt, dann eine Pause eingelegt, um mich zu erholen, dann wieder sehr viel gelernt, aber was anderes.
Dann habe ich einen Prüfungstest gemacht, entspannt, eine sehr kurze härtere Lernphase eingeteilt, in der letzten Woche entspannt, mich von meinem Umfeld zurückgezogen, noch mal einen Test geübt, der härter war als die spätere Wettkampfsituation.
Ich habe die Testsituation genau durchgespielt, von Minute zu Minute, sogar mit dem, was ich dann beim Test trinken werde, und hab mich beim Test hingesetzt und genau gewusst, was ich machen werde. Die Fragen waren komplett anders, aber ich habe mich genau wie bei einem Wettkampf verhalten.
Du klickst auf die letzte Frage, und du kriegst sofort dein Punktescore. Es ist so, wie wenn du anschlägst und auf die Anzeigetafel schaust. Ich habe die gleichen Ängste und Aufregungen gehabt bevor ich das Ergebnis gesehen habe.
Verliebt sein ist ganz was anderes. Der biologische Prozess von Schmetterlingen im Bauch und diese Angst, wenn man voneinander getrennt ist und nicht genau weiß, ob der andere einen genauso gern hat wie man selbst oder wie man es gern hätte, ist im Entferntesten so, wie wenn man trainiert und nicht weiß, was der Gegner trainiert. Aber da einen Vergleich zu bauen, ist bescheuert.

Tatsächlich wollen viele Spitzensportler gar nichts mit ihren Tugenden anfangen und richten sich in der Enge gemütlich ein, zelebrieren ein Leben lang "Being Hansi Krankl" oder "Being Anton Polster". Nach 2008 aufzuhören, würde Rogans Grundprinzip folgen: der Effizienz. Für die Karriere. ("Vielleicht auch für die persönliche Entwicklung. Um aus dieser Verengung des Leistungssports rauszukommen.") Es ist unwahrscheinlich, dass die Heldenvermarkter und politischen Nutznießer der Spitzensportler den Gedanken mögen, ein Weltklasseathlet wie Rogan könnte seine Tätigkeit als Verengung betrachten.
Das Ärgerliche ist, dass ich mir bewiesen habe, dass ich, wenn ich mich mehr verenge, besser werde. Nur, irgendwann bist du dann Weltmeister im Erbsenzählen. Das ist eine Tendenz, die für mich längerfristig nicht gesund ist.

Aaron Peirsol macht aber genau das?
("Bildung ist für ihn nicht so wichtig, genau wie für Michael Phelps auch. Das sind Leute, die knallen sich ins Wasser, und aus. Soziale Kompetenz spielt für sie keine Rolle. Anton Innauer ist auch von der Familie abgeschirmt worden, die hat gesagt, konzentriere dich auf den Sport. Er wurde behandelt wie ein rohes Ei.
Das hat es bei uns nie gegeben, dass man aus allen Anforderungen und Lebensbereichen rausgerissen wird, sonst keine Ziele mehr hat. Nicht mehr sehen muss, wie kommt er mit dem Alltag, mit den Geschwistern klar, wie bestimmt er sich in einer civic society.")

Gegen Olympiasieger und Weltmeister Aaron Peirsol ist paradoxerweise die Angst Rogans Chance. Der Amerikaner schwimmt besser, liegt höher im Wasser, wackelt weniger.
Rogan hält den Kopf höher, vertraut sich selber weniger als Peirsol, kontrolliert sich und seine Gegner im Wasser mehr mit den Augen als mit dem Gefühl. Rogan aber nutzt die Angst als Zusatzmotor.
Ich habe versucht, Aaron damit zu konfrontieren, denn er ignoriert das perfekt. Er hat auch ignoriert, dass ich ihn dort hintreiben wollte. Das ist ein Gentlemen's Agreement, nicht zu sagen: Du wirst jetzt untergehen, und was machst du mit deinen Ängsten? Das macht man im Schwimmen nicht. Ich jedenfalls nicht. Dazu weiß jeder zu genau, wie stark die Ängste werden können.

Außerdem hat Peirsol mit seinem tief im Wasser liegenden Kopf einen schlechteren Überblick als Rogan. In Peking bei den Olympischen Spielen 2008 will Rogan diesen Unterschied nutzen.
Er sieht mich nicht. Braucht er nicht, da er über 50, 100 und 150 schneller ist als ich. Ich kann aber besser Geschwindigkeiten variieren und dadurch ganz kurzfristig schneller sein als er. Über zehn Meter, wenn ich die Explosivität richtig trainiert habe. Wenn wir bei 190 Metern in Schanghai gleich liegen, kann ich gewinnen. Das Problem ist, bis dorthin gleichauf zu liegen. Das war bis jetzt unmöglich. Ich komme 150 Meter mit ihm mit, die letzten 50 habe ich absolut keine Chance.

Rogan kann 100 Meter unter Wasser zurücklegen, ohne Luft zu holen. Er berührt die Grenze des Ertrinkens. Wer den Nerv hat, in das dunkle Land rüberzuschauen, erlangt diese harmonische, schwebende Leichtigkeit. Schwimmt Peirsol schöner? Trägt Schönheit zur Schnelligkeit bei?
Am schönsten ist nicht mein Rückenstil, sondern mein Delfin-Beinschlag, wo ich zufällig der Schnellste der Welt bin, unter Wasser. An der Oberfläche ist Aaron schneller. Ich würde nicht sagen, dass er schöner schwimmt, aber der Arkadi Wjatschanin (RUS, Zweiter im EM-Rennen über 200 m, bei dem Rogan in 1:50,43 Weltrekord fixierte) schwimmt schöner als ich.